Systemische Spiele

Ich habe für die letzte Oya Zeitschrift zum Thema ‘Spielen’ zwei Versionen eines Artikels zum Thema “Systemische Spiele” geschrieben, der es allerdings aus redaktionellen Gründen nicht bis in’s finale Heft geschafft hat – darum möchte ich ihn hier veröffentlichen :)

– – – – – – – – –

“Systemische Spiele” Artikel für Oya zum Thema Spielen, 2. Entwurf, 14.Mai

Ich hoffe dieser Artikel wird eine Mulde in ihrem System hinterlassen in die gute Gedanken hineinfliessen können, mehr dazu am Schluss.

… und das hat sie jetzt hoffentlich so irritiert das ich Ihre Aufmerksamkeit habe :)
Lassen Sie mich drei Gruppenspiele beschreiben und ihre Entstehungsgeschichte skizzieren:
/ Geometriespiel
Das Erste nenne ich jetzt einfach mal “Geometriespiel”. Wie ich hörte kommt das so und Ähnlich in anderen Spielesammlungen und Teamfähigkeitstrainingspgrammen auch vor; macht Sinn, da es so auf der Hand liegt.
Lasse eine Gruppe sich im Kreis aufstellen, du selbst bleibst aussen vor. Dann gibst du die Anweisung sie sollen so schnell wie möglich ein Dreieck formen. Und dann kannst du natürlich noch andere Formen ausprobieren oder sie sogar ganze Wörter buchstabenweise nachstellen lassen (das die Buchstaben quasi von der Decke herabblickend lesbar wären) – aber schon vom Kreis zum Dreieck kommt der Sinn dieser Übung hervorragend zu Geltung. Was ein Dreieck nämlich hat im Gegensatz zu einem Kreis sind Ecken! Und die müssen geformt werden; die schlichte Geometrie der Form erzwingt als eine Polarisierung der Rollen im sozialen System; es wird Ecken-bilder und Kanten-bilder geben müssen. Auch wenn das Dreieck sich sehr schnell formt, lohnt es sich danach zu sehr genauer Reflektion des Vorgangs einzuladen – wer hat die “Eckenformungs-führung” (Zugpferd) übernommen; wer davon wortlos durch direkte Initiative und wer durch Kommunikationsversuche…? Oft lässt sich ja am besten und ehrlichsten reflektieren darüber wie Menschen sich in Situation verhalten, wenn der Stimulus auf den sie reagieren sehr einfach und “in sich selbst diskussionsfrei” ist (es sei denn jemand möchte anzweifeln das ein Dreieck Ecken braucht). Genau das war auch mein Ansatz als ich mich auf die gedankliche Suche machte die im Geometriespiel mündete – was gibt einen klaren (zwingenden), ehrlichen und einfachen Impuls der reflektionstaugliches Erfahrungsmaterial in einer Gruppe anhäuft. Die gewünschten Reflektionen kamen also bevor ich mich auf die Suche nach einer passenden Methodik machte – im Folgenden ein Beispiel bei dem es anders herum lief.
/ Posenmorph
In der Entstehungsgeschichte des Posenmorph kam die “mathematische Neugier” zuerst und erst beim Ausprobieren mit Gruppen stellten wir fest, dass es sehr nützliches Erfahrungsmaterial für wertvolle Reflektionen liefern kann.
Es funktioniert wie folgt. Die Leute stehen zufällig im Raum verteilt und frieren in einer individuelle Körperhaltung ein (mit der sie entweder etwas bestimmtes ausdrücken sollen wie ihre Stimmungslage oder Meinung zu etwas – oder einfach nur beliebig). Ohne es mitzuteilen sucht sich dann jeder heimlich einen Partner im Raum aus (ausgenommen mich, den Instrukteur). Sobald ich das “Los” gebe, ist die Aufgabe für jeden sich in Zeitlupe an die Körperhaltung des Partners anzupassen („hinzumorphen“) – dabei nicht dessen Startposition, sondern sich stets an die aktuelle Pose anpassend. Bevor Sie weiterlesen, lade ich Sie jetzt ein über die Frage nachzudenken, was wohl nach dem “Los” passieren wird…
Wie sich nämlich herausstellt, fällt es manchen Menschen schwer sich dieses Szenario vorzustellen, während es für andere sofort intuitiv klar ist, das sich ein solches System auf einen Ruhezustand hinbewegen muss in dem alle Teilnehmer die gleiche Haltung eingenommen haben werden. Erfolgreich sind oft Leute mit Erfahrung in Tanz, Mathematik, Gruppendynamik oder einem anderen Gebiet das ihre interne Simulationsfähigkeit von dynamischen Systemen geschult hat.
Falls Sie es sich schwer vorstellen können, möchte ich behaupten, dass spätestens die Realerfahrung des Posenmorphs Ihnen dieses Fundamentalmuster (eines von mehreren möglichen Tendenzen dynamischer Systeme) tief verankert wird im komplexitäts- prozessierenden Teil Ihres Gehirns und bei Ähnlichen Ausgangsbedienungen intuitiv Konvergenz vermuten wird.
Da Sie jetzt im Moment aber wahrscheinlich keine Gruppe in der Nähe haben, stellen Sie sich ein kleinen Zwischenschritt vor; Sie stehen gegenüber nur einer anderen Person. Sie haben beide unterschiedliche Haltungen. Auf ein Signal hin passen sie sich beide in Zeitlupe an die stets aktuelle (!) Haltung des Anderen an. Jetzt müsste es doch einleuchtend sein das sie beide nach ein paar Sekunden in der exakt gleichen Haltung einfrieren?
Beim Ausprobieren dieser Übung in einer Gruppe können Situation auftreten, in der sich Untergruppen formen die unter sich zu jeweiligen Endhaltungen konvergieren anstatt eine Gemeinsame der ganzen Gruppe. Diese unwahrscheinliche Möglichkeit ist gegeben durch die zufällige Wahl des Partners. Würde bspw. die Partnerwahl strikt kreisherum erfolgen sind Unterschiede in der “Belegungsdichte” einzelner Personen nicht möglich.
Was kann nun reflektiert werden nach dieser Erfahrung? Naja, es liegt bspw. auf der Hand sich einen Entscheidungsprozess vorzustellen, in dem idealerweise alle “Haltungen” in Betracht gezogen werden auf dem Weg zu einer gemeinsamen Entscheidung. Menschen die ihre eigene Haltung langsamer oder gar nicht verändern wollen, werden ein höheres Gewicht im Prozess bekommen, zum Guten oder zum Schlechten. Auch die Formung von unausgesprochenen “power-groups” die ihren Einfluss in pseudo-demokratischen Vorgängen subtil manipulierend geltend machen, mag nur allzu bekannt sein. Anders herum kann mensch dann aber auch argumentieren, dass es genau diese störrischen nicht-angepassten Impulse geben muss um eine “Abwärtsspirale” in eine kollektive Erstarrung auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner zu verhindern. Die spannende Frage nach Unterschiedsmerkmalen solcher “kurzfristig ätzend aber langfristig gesunden Impulse” im Gegensatz zu reinen “destruktiven Ego-Shows” kann sich gut einreihen im Gedankenaustausch nach der gemeinsamen Erfahrung des Posenmorphs.
/ Assoziativgeschichten
Nach einem Spiel mit Konvergenz in Körperhaltung möchte ich Ihnen nun als Letztes ein Spiel mit Konvergenz in Geschichten nahe bringen, ich nenne es “Assoziativgeschichten”. Es lässt sich hervorragend nutzen nach einem Tag voller gemeinsamer Prozesse, Überlegungen und Entscheidungen. Es werden drei Freiwillige gebraucht die sich selbst für gute Zuhörer und Geschichtenerfinder halten; diese drei gehen in die Mitte des Raumes und stellen sich mit geschlossenen Augen in einem Dreieck auf. Die Aufgabe für den Rest der Anwesenden ist durch den Raum und um die 3 Zuhörer herum zu laufen und stets halblaut ein Wort vor sich her zu sagen. Dieses Wort wechseln sie alle 10 Sekunden assoziativ zu dem was sie in dem Moment gerade aufschnappen im Raum (ich höre bspw. “Sonne” und darum fällt mir “Blumenwiese” ein). Dieses Wort darf jeder grammatikalischer Kategorie angehören aber sollte irgendwie mit den Geschehnissen des Tages in Verbindung stehen. Nach 2-3 Minuten haben die Zuhörer genügend Wörter gehört und alle bis auf die Zuhörer werden geben zu verstummen und sich an einer Seite des Raumes niederzusetzen. Den Zuhörern wird etwas Zeit gegeben sich zu sammeln. Dann erzählen sie nacheinander eine Geschichte die sich vor ihrem inneren Auge abgespielt hat während dem gerade erlebten Regenschauer von Worten. Welche Art von Geschichte steht ihnen völlig frei. Sie werden erstaunt sein was da so herauskommt, oft sind es sehr berührende, lustige oder magische Geschichten – und das Entscheidende ist, dass sie voll sein werden von Worten die eine Bedeutung am gerade gemeinsam vergangenen Tag hatten und daher von der Gruppe höchstwahrscheinlich “emotional sehr warm” als runder Abschluss anerkannt und gewertschätzt wird. Vielleicht so wie drei Tarotkarten abschliessend ziehen und sie interpretieren; nur das in diesem Fall die Karten sogar erst “gezeichnet” wurden von den Leuten im Raum – die Symbole wurde also erst kurz vor ihrer narrativen Wiedereinführung ins System (und damit zur emotionalen und/oder kognitiven ausgesprochenen oder unausgesprochenen Interpretation freigegeben) vom System selbst generiert; ein sehr effektiver Selbstspiegelungsprozess.
Lassen Sie mich abschliessend versuchen mit einer Metapher zu bündeln, was in mir beim Spiele-entwerfen vorgeht und wozu ich sie herzlich einlade. Ich nehme an Sie waren schon ein mal in der Situation das ihr Gegenüber im vertrauten Zweiergespräch “auf etwas sitzt”, es ihm offensichtlich aber schwerfällt darüber zu reden? Als emphatischer und besorgter Zuhörer wählen wir in solchen Situation oft bewusst oder unbewusst die Strategie erst von uns selbst etwas Intimes, Peinliches oder Unangenehmes preiszugeben um das System in diese Richtung “einzudrücken”, auf das sein Leid in diese Kuhle fliessen kann und sich aufgehoben fühlen kann – oder mit anderen Worten; wir geben ihm eine “erzählerische Landebahn” das eigene Herz zu öffnen. So sehe ich das mit diesen Spielen und Übungen; sie erlauben es auf spielerische Art körperliche Dynamiken in der Gruppe zu erfahren die dann als Metaphern in einen Raum hineinragen der sonst vielleicht nicht so leicht oder nicht so tief geöffnet wird. Die körperliche Erfahrung verschiedener Aspekte von Gruppendynamik drücken quasi eine Mulde ins System, in die Gedanken hineinfliessen können und im Gesprächsraum Raum oder sogar einen Sog bekommen. Es werden Attraktoren installiert in deren Einzugsraum Vieles möglich wird und auf die in der persönlichen und gemeinsamen Erinnerung noch lange danach zurückgegriffen werden kann – die strategische Schaffung von gemeinsamen verkörperten Metaphern.
Das ist für mich die Kraft und das Potential des Spiels. In überschaubaren Zusammenhängen Systemdynamiken verstehen und meistern lernen, um sie dann auf die entsprechenden grösseren Zusammenhänge zu übertragen – entweder direkt oder metaphorisch.
Fragen Sie sich, seien Sie neugierig… wie könnten Sie eine bestimmte soziale Herausforderung in ihrem Umfeld in einen spielerischen Gruppenprozess übertragen? Mit welchem Regel-Set könnten Sie bpsw. die Auswirkungen von Misstrauen in Organisationen sinnvoll auf ein Spiel übertragen?
Stets mit der Hoffnung: Sobald einmal gespielt, werden die Teilnehmer gemachte Einsichten auf die Realsituation übertragen – falls nicht sofort (weil es sich zu intim und ungewohnt anfühlt es auszusprechen) dann vertrauen Sie darauf das es wirkt.

– – – – – – – – –

“Systemische Spiele” Artikel für Oya zum Thema Spielen, 1. Entwurf, 29. April

Oft ist es doch so, dass mensch Fähigkeiten entwickelt um für etwas zu kompensieren, richtig? Ich habe neulich beim Siedler-spielen erneut feststellen müssen, dass ich nicht gut in Strategiespielen bin. Genauer gesagt bin ich nicht gut im spielen von Strategiespielen – ich finde nämlich andererseits, dass ich sehr pfiffig bin im Er-und Durchdenken von abstrakten Räumen in denen überhaupt erst “stragegisiert” werden kann. Den Prozess also den ich mir vorstelle das Klaus Teuber, der Erfinder von “Siedler von Catan”, durchlaufen hat um ein Regel-System zu entwickeln in dem das wilde herumstrategisieren möglich ist, dem Millionen freudig ihre Abende widmen. Ich stelle mir also hiermit selbst die Diagnose des (gerade erfundenen) “Abstraktions-Syndrom” aus – der Patient kann nicht ruhig und konzentriert im Konkreten und Praktischen verweilen -noch ehe er sich ernsthaft mit einem Plan, einer Idee, einer Entscheidung oder einer Meinung identifizieren könnte, schiesst es ihm schon durch den Kopf in welch grösseren Baum der Möglichkeiten er hier gerade dabei ist, sich für einen Ast zu entscheiden… und zack, schon wird er das Büschel der Nachbaräste oder gar den ganzen Baum viel spannender finden als diesen einen Ast der eine ach so praktische und konkrete Entscheidung mit sich brächte. Jüngste Theorien schlagen vor, dass eine besondere Beschaffenheit des Neokortex im Gehirn von abstraktionsgeilen Menschen den Ausgang eines Gedanken direkt wieder als Eingang des gleichen Gedankenprozesses einspeisen – dem derartig rekursiv selbstbezüglich verschalteten Individuum bleibt nichts übrig als immer tiefere und allgemeingültigere Abstraktionen zu suchen, da das die einzige Möglichkeit zum einstweiligen Ausstieg aus der Schleife darstellt.

“Packe deinen Artikel in eine Geschichte ein, du musst den Leser auf eine persönliche Reise mitnehmen”, sagt Dieter im Gespräch zu mir bevor ich anfange diesen Artikel zu schreiben. Wieder so eine Entscheidung für genau eine Geschichtslinie, wo ich doch lieber alle möglichen Arten gleichzeitig anschauen möchte. Aber ka. dann kann ich ja nicht darüber schreiben, dann schwebt es als Gebilde im inneren Raum; um es zu kommunizieren muss es sich in einem geschichtsartigen Komplex wiederfinden. Ich überlasse es dann Ihnen, lieber Leser, zu entscheiden ob ich letztendlich eine gute Erzähllinie gewählt habe. “The Seven Basic Plots: Why We Tell Stories” liest meine Mitbewohnerin gerade. Ich stelle mir eine Erzähllinie vor wie eine Welle die verschieden-stark ausschlägt. Sie hat eine Wesenhaftigkeit bevor sie ausgedrückt wird. Sie kann als Erzählung rauskommen oder als Spannungsbogen in einem Musikstück, als Choreographie in einem Tanz, als Farbwahl in einem Gemälde oder als Reihe von Entscheidungen wie ich meinen Sonntag verbringen möchte. Wenn der Zusammenhang in dem sich eine erzählende Wesenhaftigkeit ausdrückt zu gross ist, als das wir sie als Ganzes umfassen könnten, nehmen wir sie entweder nicht war oder brauchen Metaphern um sie in einen verdaulichen Zusammenhang zu skalieren. Wenn etwas im Überschaubaren verstanden wurde kann mensch wagen es im Grossen anzugehen – ich glaube das ist warum wir spielen; Systemdynamiken im überschaubaren Masstab verinnerlichen. Natürlich ist das nicht der Gedankenprozess dem ein Kind folgt um sich dann schliesslich fürs Spielen zu entscheiden – dieser Antrieb zur Selbstenfaltung ist tief in die Struktur unserer Biologie eingebaut.

Schon recht, aber worum soll es denn nun überhaupt gehen? Also eigentlich sind wir schon mittendrin… Dieter kam auf die Idee mich zu fragen einen Artikel zum Thema spielen zu schreiben, da ich damals vor 5 Jahren während meines FÖJ’s im Ökodorf 7Linden (und später auch mit Lucy: https://db.tt/TfacYvWT) zusammen mit meinem damaligen Mit-FÖJler Markus zum Ausprobieren von systemischen Gruppenspielen eingeladen habe. Diese haben wir uns grösstenteils selbst ausgedacht in einem kreativen Gebräu aus ironischer Reflektion von, unserer (arroganten?) Meinung nach, allzu ernstgenommenen Gemeinschaftsprozessen und mathematischen/systemischen Überlegungen zur Simulation selbiger.

Eine spannende reflektions-stimulierende Gruppenaktivität die ich mir bspw. überlegte ist das “Posenmorph”. Hierbei stehen die Leute zufällig im Raum verteilt und frieren in einer individuelle Körperhaltung ein (mit der sie bspw. etwas bestimmtes ausdrücken sollen). Ohne es mitzuteilen sucht sich dann jeder einen Partner im Raum aus. Sobald ich als Instrukteur das “Los” gebe ist die Aufgabe für jeden sich in Zeitlupe an die Körperhaltung des Partners anzupassen (hinzumorphen) – dabei nicht dessen Startposition, sondern stets die Aktuelle. Nun; bevor ich Ihnen sage was passiert lade ich Sie ein über die Frage nachzudenken was wohl nach dem “Los” passieren wird… Was sich nämlich herausstellt ist, dass es manchen Menschen schwerfällt dieses Szenario “intern zu simulieren” während es für Andere sofort intuitiv klar ist das sich ein solches System auf einen Ruhezustand hinbewegen muss, in dem alle Teilnehmer die gleiche Haltung eingenommen haben werden. Oft sind es Leute mit Erfahrung in Tanz, Mathematik, Gruppenspielen oder einem anderen Gebiet das ihre interne Simulationsfähigkeit von dynamischen Systemen geschult hat. Keine Sorge falls es Ihnen nicht einleuchtet, ein kleiner Zwischenschritt in einem Zweiersystem wird es deutlich machen; stellen Sie sich gegenüber einer anderen Person und nehmen sie unterschiedliche Haltungen ein. Auf ein Signal hin passen sie sich beide in Zeitlupe an die stets aktuelle (!) Haltung des Anderen an – zwangsläufig werden sie beide nach ein paar Sekunden in der gleichen Haltung einfrieren. Zurück beim Ausprobieren dieser Übung in einer Gruppe können allerdings, wie sie sich möglicherweise schon gedacht haben, Situation auftreten in der sich Untergruppen formen die unter ich zu geteilten Endhaltungen konvergieren, sich aber nicht an andere Untergruppen angepasst haben und umgekehrt. Diese Möglichkeit ist unwahrscheinlich, ist aber gegeben durch die zufällige Wahl des Partners – würde bspw. die Partnerwahl “kreisherum” erfolgen sind Unterschiede in der “Belegungsdichte” einzelner Personen nicht möglich. Ein anderer Extremfall bei der selbstbestimmten Partnerwahl wäre, dass sich zwei Leute unwissend gegenseitig gewählt haben und folglich ihren “privaten” Haltungsdurchschnitt finden werden – ist nun auch nur einer vom Rest der Gruppe an einen in diesem geschlossenen Paar gebunden, wird die gesamte “Haltungs-information” der Restgruppe verloren gehen, da das Paar die Endhaltung für alle beinhaltet. Warum nun das Ganze, ist ja ganz nett, aber…? Ich möchte behaupten, dass durch die leibliche (oder auch nur gewissenhaft mental simulierte) Erfahrung, dieses Fundamentalmuster (eines von mehreren möglichen Tendenzen dynamischer Systeme) tief verankert wird im intuitiven komplexitäts-prozessierenden Teil unseres Hirns – wenn es nicht eh schon “installiert” war. Neben diesem langfristigen Lernmomentum wird die geteilte Erfahrung dieses Konvergenzmusters auch Reflektionen hervorbringen (falls nicht, sollten sie dahingehend stimuliert werden) die diese Dynamik im sozialen Kontext interpretieren werden. So liegt es bspw. auf der Hand sich einen Entscheidungsprozess vorzustellen in dem idealerweise alle “Haltungen” in Betracht gezogen werden bevor zu einer Entscheidung konvergiert wird. Leute die ihre eigene Haltung langsamer oder gar nicht verändern wollen, werden ein höheres Gewicht im Konvergenz-prozess bekommen, zum Guten oder zum Schlechten. Auch die Formung von unausgesprochenen “power-groups” die ihren Einfluss in pseudo-demokratischen Vorgängen subtil manipulierend geltend machen, mag nur allzu bekannt sein. Darüber hinaus ist die Übung übrigens auch eine hervorragende Analogie zum 2. Hauptsatz der Thermodynamik (“The tendency that over time, differences in temperature, pressure, and chemical potential equilibrate in an isolated physical system”) – der gleichen Dynamik folgend entsteht bspw. auch Wind um Druckunterschiede auszugleichen. Diese und weitere Spiele und Gedanken die in dieser Zeit entstanden sind, können Sie in diesem zusammenfassenden Dokument finden: https://db.tt/VYA17295

In der Entstehungsgeschichte des Posenmorph kam die “mathematische Neugier” zuerst und danach zeigten sich interessante und relevante Reflektionen für Gemeinschaftsprozesse. Genauso gut kann auch umgehend kreativ gedacht werden (me consultant for this?); wie könnte ich den Kern einer bestimmten sozialen Herausforderung als Analogie in einen spielerischen Gruppenprozess übertragen? Mit welchem Regel-Set könnte ich bpsw. die Auswirken von Misstrauen in Organisationen (oder Gemeinschaften) sinnvoll auf ein Spiel übertragen? Denn sobald einmal gespielt, werden die Teilnehmer ohne es zu wissen schon so tief in der Materie sein, das gemachte Einsichten im Spiel auf einmal lawinenartig auf die Realsituation übertragen werden könnten sobald der Link (bewusst vs. unbewusst) hergestellt ist. Auf diesem Wege ist bspw. das Spiel “Gekritzelmorph” entstanden (siehe paper); ich wollte eine Übung kreieren die für die Veränderung von Informationen sensibilisiert die in längeren Kommunikationswegen beinahe unumgänglich ist. Mit dieser Absicht wandelnd, kam ich bald auf Flüsterpost als ein Spiel das genau diese Dynamik in Unterhaltungswert umwandelt – noch offensichtlicher und interpretationsreicher herausformen konnte ich die Dynamik dann durch Ersetzen des Sprechvorgangs mit einem Zeichenvorgang.

Mit der Zeit wurden mir allerdings rein “inspirationsgenerierende Spiele” nicht mehr genug und ich wollte die wild umtobte Schwelle zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz weiter ausreizen. Im Kurrikulum der KaosPilote-Schule ist es bewusster Bestandteil, dass die Studenten selbstorganisiert auswählen, in welchen Gruppenkonstellationen sie in die Projektphasen gehen, noch bevor klar ist woran eigentlich gearbeitet werden wird. Es kann also mitunter vorkommen das ein Team von 30 Studenten einen ganzen Tag damit verbringt zu diskutieren wer mit wem in Kleingruppen zusammenarbeiten möchte oder auch nicht – mitunter ein sehr schleppender und unangenehmer Vorgang, besonders dann, wenn ehrliche Affinitäts-Positionierungen aus Höflichkeit und wird-schon-gut-ausgehen-Hoffnungen unterdrückt werden bis es nicht mehr geht. Mir ist klar das es genau wegen diesen Reibungen und vielerlei Entscheidungs(veränderungs)prozessen eine wichtige und wahrscheinlich unersetzbare Lernerfahrung ist; nichtsdestotrotz begab ich mich auf die Suche nach der mathematischen Lösung zu dem Kleingruppenkonstellationsprob lem. Schnell stiess ich auf das mathematische “Stable Mariage Problem” (=”finding a stable matching between two sets of elements given a set of preferences for each element”); mensch stelle sich eine Reihe Männer und eine Reihe Frauen vor; jeder der Männer hat die Frauen priorisiert je nachdem wie gerne er sie heiraten möchte – genauso hat jede Frau die Männer priorisiert. In dieser Situation ist es extrem unwahrscheinlich jedem die Nummer 1 zuzusprechen, jedoch gibt es eine Konfiguration, die die “maximale Zufriedenheit” aller sicherstellt. Im Nachhinein betrachtet entspricht wohl das “Stable roommates problem” mehr der Situation bei den KaosPiloten; wie dem auch sei – es hat mich zu der recht offensichtlichen, doch sehr spektakulären, Einsicht gebracht das die Anzahl der möglichen Untergruppen in einer Gruppe mit der Funktion n^2 steigt (Die Reiskorn-Schachfelder-Formel für den der die kennt). Das heisst in einer Gruppe von 4 Leuten können 2^4=16 verschiedene Untergruppen geformt werden (eine Nullgruppe + 4 Einsergruppen + 6 verschiedene Zweiergruppen + 4 verschiedene Dreiergruppen + eine Vierergruppe). Mit 10 Leuten können 1024 mögliche Untergruppen gebildet werden und in meinem Team von 30 Leuten sind es schon über eine Milliarde möglicher Untergruppen! Das ist schon so gross das es schwer ist diese faktische Begebenheit irgendwie sozial relevant zu interpretieren -mir gibt es jedoch ein anschauliches Bild für die Komplexität in sozialen Systemen. Über die drei Jahre die wir als Team von 30 zusammen sind, laden sich viele der 1,1 Milliarden möglichen Untergruppen mit realer Bedeutung auf; eine 3er-Gruppe ging zusammen ins Kino, eine 4er-Gruppe ging Abendessen zusammen, ein paar hundert verschiedene 5er-Gruppen sind sich bei der Raucherpause begegnet, ein Haufen 6er und 7er-Gruppen ging in die Bar zusammen, verschiedenste 4er, 5er und 6er-Gruppen haben Projektarbeit zusammen gemacht, zwei 2er-Gruppen fingen sogar eine intime Beziehung an… alles in allem würde ich schätzen das sich um die 100.000 verschiedene Untergruppen über die 3 Jahre hinweg real “aufgeladen” haben. Alles zusammen gibt dann das soziale Geflecht des Teams als Ganzen – relativ schnell hat sich wohl so etwas wie eine Erstfassung der sozialen Landschaft ausprofiliert, diese wird dann weiter verfeinert und beizeiten umgebrochen. Zurück zur Aufgabe Untergruppen von, sagen wir 5, in einem Team von 30 zu formen für anstehende Projektarbeit. Es gibt 142.506 verschiedene Möglichkeiten 5 aus 30 zu bilden und nicht weniger als 89 Milliarden Milliarden mögliche Konstellationen 5er-Gruppen in 30 hineinzustrukturieren. Wie gross diese Zahlen auch sein mögen; in meinen Augen setzen sie die persönliche Präferenz des Individuums in ein sehr besonderes Licht -wenn ich nämlich meine Lieblingsgruppe von 5 angebe habe ich damit genau eine ausgewählt vor dem Hintergrund von 71.253 (= 142.506 / 2 in denen ich selbst vorkomme) möglichen! Schon eine ganz schöne Leistung – wie hab ich das gemacht? Hat mein Hirn etwa blitzschnell alle Möglichkeiten durchgespielt? Kaum… die Auswahl meiner Lieblingsgruppe war wohl mehr eine Mischung aus den Lieblingsindividuen und darüber hinaus vielleicht auch der produktiven ‘Chemie’ die ich zwischen den Beiden vermute und dann noch die Chemie die wir drei zusammen haben. Mensch könnte also sagen meine Intuition und soziale Wachsamkeit ergeben sowas wie einen sehr effektiven Optimierungsalgorithmus der mich in kürzester Zeit eine von 71.253 Möglichkeiten auswählen lässt, ohne das ich sie alle durchgehen müsste. Diese Überlegung brachte mich dann dazu zu überlegen wie ich anstatt der Individuum-zu-Individuum-präferenzen genau diese intuitive Auswahlintelligenz mathematisch verwerten könnte. Ich konstruierte also eine Situation wo wir alle im Kreis stehen und der Reihe nach in die Mitte gehen um unsere Lieblingsgruppe zu uns die Mitte zu rufen. Dort angelangt nehmen sie sich kurz als Gruppe war (mit dem Wissen das dies eine von 142.506 ist) und ich nehme ihre Namen auf in mein Computerprogramm als eine von 30 Lieblingsgruppen. Vorher bitte ich die Leute darauf zu achten wie oft sie selbst in die Mitte gerufen werden, wenn mit wem zusammen und welche Konstellationen im allgemeinen mehrmals auftauchen. Nachdem alle 30 sich nacheinander mit ihrer Lieblingsgruppe in der Mitte versammelt haben, lasse ich meinen Algorithmus rechnen. Er spaltet jede Lieblingsgruppe in seine 2^5=32 Untergruppen auf. Dann geht er durch alle 32*30=960 Lieblingsgruppen-Untergruppen und zählt einfach durch welche wie oft vorkommt. Dann gibt er genau das als präzises Ergebnis aus, worauf ich die Leute gebeten habe zu achten, eine “Landschaft der sozialen Konstellations-Schwerkraft” würde ich es nennen. Die Liste könnte beispielsweise mit der 3er-Gruppe “Julia, Dominik, Martin” anfangen die in 12 der 30 Lieblingsgruppen zusammen war, weiter könnte es gehen mit der 4er-Gruppe “Thomas, Sandra, Isabella, Fabian” die 6 mal gemeinsam auftauchten und so weiter. Das interessante hier ist das es nicht entscheidend ist wer welche Lieblingsgruppe zusammengestellt hat, diese Information spielt keine Rolle bei der Berechnung der Konstellations-Landschaft, sondern es werden die gesammelten Auswahl-Intelligenzen der Gruppe analysiert. Als nächsten Schritt könnte mensch sich jetzt vorstellen all diese bewerteten Konstellationen zu nehmen um die beste Möglichkeit zu finden alle sechs 5er-Gruppen im Team zu formen (auch wenn die nötige Berechnung wohl sehr (!) Prozessor-intensiv ist) – die Aufgabe der finalen Strukturfindung also der Mathematik zu überlassen nachdem die Auswahlintelligenzen geerntet wurden. Möglich – aber das habe ich bis jetzt noch nicht probiert, ich fand es spannender die reale Gruppe mit der “mathematischen Wahrheit” der Konstellations-Landschaft zu konfrontieren; wer mit wem und wie oft, schwarz auf weiss. Die Provokation durch eine solche Konfrontation die ich vermutet hatte ist auch eingetreten – natürlich wurden Stimmen laut die solche Verfahren ablehnen und zurecht auf die verfälschenden sozialen Meta-Einflüsse hinwiesen (z.B.: “da du mich in die Mitte gerufen hast habe ich das Gefühl jetzt sollte ich dich auch in meine Lieblingsgruppe aufnehmen” oder das “Verschwinden” von Leuten auf dem Lieblingsgruppenformungs-Radar die länger nicht mehr in die Mitte gerufen wurden). Aber genau diese Spannung in solch einer Konfrontation halte ich für wertvoll auszuhalten um zu erforschen was vor sich geht (ja, trotz und gerade weil es zuhauf historische Situation gab in denen Berechnungen und Kategorisierungen von sozialen “Wertigkeiten” grausames Leid verursacht hat). Ich bin mir bewusst das viele soziale Situation mit gutem Recht nur sich selbst zum Zwecke haben, kein bestimmtes Ziel oder Aufgabe als die Schaffung eines Wärmeraums. In anderen Situation allerdings sind Gruppenprozesse meiner Meinung nach sehr wohl nach objektiven Massstäben verbesserungsfähig, wenn es bspw. um logistische Probleme geht oder das Einstellen von Parametern in einem System. Die (unangenehme) Konfrontation mit der mathematischen Lösung kann meiner Meinung nach in solchen Aufgaben zu wertvollen Einsichten führen, was die Hinderungsgründe für “effektive Kollaboration” angeht – das Festhalten an Standpunkten um keinen Fehler zuzugeben, subtile Dominanz-dynamiken und ähnliche Ego-Effekte mögen hierbei in einer ehrlichen Reflektion auftauchen als Hinderungsgründe.

Nun gut, genug zur Analyse und zurück zur Kreativität im Spiele-Kreieren. Manchmal denke ich mir wir müssen nicht unbedingt immer besser darin werden menschliche Bedürfnisse und Vorlieben zu befriedigen, unterstützt durch hochgeschickte Analyse – vielleicht ist es an der Zeit etwas “formender” einzugreifen und festgefahrene Erwartungen und Routinen herauszufordern. Aber dann ist der Vorwurf der Manipulation natürlich nicht fern – ein weiterer Grund einstweilen in Spielen zu experimentieren. Eine andere faszinierende Art den Ansatz von möglichen Untergruppen in einer Gruppe zu nutzen möchte ich bald mal ausprobieren; stellen wir uns vor wir haben 5 Leute im Raum und damit 32 mögliche Konstellationen dieser 5 Leute. Was nun, wenn wir nicht analysieren wie sie sich als soziales System verhalten, sondern sie testweise mal aktiv “programmieren”. Lassen wir die Nullgruppe und die Einsergruppen weg bleiben 26 Konstellationen – passt genau auf das Alphabet. Lass uns also jede der 26 möglichen Konstellationen mit einem Buchstaben belegen. Das bedeutet jedes Individuum ist in 15 verschiedenen Buchstaben vertreten, es wird also eine gewisse Trainingszeit brauchen bis die Zugehörigkeiten zuverlässig memorisiert werden; unserem Hirn scheint es allerdings erstaunlich leicht zu fallen Gruppenzugehörigkeiten zu speichern (“das sind die und ich bin hier mit denen…”), das muss wohl eine evolutionär hilfreiche Funktion gewesen sein. Was passiert nun in einem derart programmierten sozialen System wenn den 5 Leuten die Aufgabe gestellt wird ein Wort zu buchstabieren? Na sie werden sich Buchstabe für Buchstabe in den entsprechenden Untergruppen zusammenfinden; man darf sich ein wildes, doch zielgerichtetes Gewusel im Raum vorstellen. Mit der Zeit werden sie immer schneller im Buchstabieren. Doch lass uns nach einer einfacheren Symbol-Belegung als Buchstaben suchen, die Bedeutung eines Wortes ist nämlich in nicht durch die Kombination seiner Buchstaben zu erklären – dadurch ist eine Ebene eingezogen die Zugang zu einer “grossen Datenbank” erfordert. Stellen wir uns statt dessen vor wir belegen die 26 Konstellationen mit Tönen der Tonleiter; von tief bis hoch in sinnvollen (harmonischen) Zwischenschritten. Stellen wir uns weiterhin vor, jeder hat einen Nähe-Sensor der es einem Computer in Echtzeit ermöglicht Grupppenformationen zu entdecken und entsprechend codierte Töne auszugeben. Die “Buchstabierphase” in diesem Fall bedeutet Melodien tonweise nachzubauen – scheinbar chaotisches herumrennen im Raum ist in Wirklichkeit das Nachspielen einer Melodie. Nun lass es uns umdrehen, kann diese Gruppe zum Komponisten werden? Stellen wir uns vor die Leute schliessen jetzt ihre Augen und laufen völlig frei durch den Raum während der Computer weiterhin Gruppenformationen überwacht und entsprechende Töne ausgibt. Ist es möglich das die Gruppe nach einer “harmonie-freien” Lernzeit, tatsächlich interessante Tonfolgen erzeugt? Oder sind die Spannungsbögen einer interessanten Tonfolge, geschweige denn eines ganzen Stückes, so komplex das es die dichte Umgebung (und Biographie) eines Einzelhirns braucht um sie zu erzeugen und Vorstellungen eines “intelligenten” Kollektiv-Komponisten sind nur romantisch verträumte Illusionen? Gut möglich, neugierig genug es auszuprobieren bin ich allerdings allemal.

Ich denke das wir naher Zukunft mehr solcher mappings (=einen link herstellen zwischen zwei verschiedenen Ebenen & Veränderungen auf einer Seite können bedeutungsträchtig in der anderen Seite interpretiert werden) sehen werden. Ich sehe den jüngsten Trend alle möglichen Daten zu visualisieren erst als den Anfang einer Welle vieler Arten sich mit Daten in direkten körperlichen Bezug zu setzen. Hier eine spannende Dokumentation mit dem Titel “The Future of Art”: http://www.emergence.cc/futureofart Ich habe kürzlich selbst mit ein paar Algorithmen zu dem Thema experimentiert: http://beyondconsensus.de/seq/sequences.html Das Phänomen der Synesthesie finde ich in diesem Zusammenhang hochspannend -Leute mit Synesthesie assoziieren Farben mit Nummern, Wochentagen oder Namen, hören Farben, empfinden Empathie mit Objekten und 60 weitere bisher bekannte “Alternativ-Verdrahtungen” im Hirn des Synestheset. Durchaus vorstellbar, dass “gefälschte Synesthesie” ein Ansatz in Kunst und Technik sein könnte, der für Systemverhalten sensibilisiert und den Zugang zu subtilen oder Makro-Mustern aufdecken und helfen in der Alltagswahrnehmung zu verankern.

Nun denn, am Ende meines Artikels angelangt sollte ich nun den Leser eine gewisse innere Abrundung finden lassen. Ich würde meinem eigenen Spieltrieb nicht gerecht werden wenn ich nicht auch hier meine Überlegungen über den Inhalt zum (Teil-)Inhalt machen würde. Führt es nicht stets zu wunderbaren Paradoxien wenn mensch die Systembetrachtung als Systemgegenstand wieder einführt? Niklas Luhmann weiss das nur zu gut. Ein tolles Beispiel sind sie-liebt-mich-sie-liebt-mich-nicht Gespräche die wir wohl alle kennen. Die Angehimmelte direkt zu fragen wie sie mich findet, erlaubt den Einzug von eine ganze Reihe Meta-Einflüssen; “warum frägt er mich das, was für eine Antwort erwartet er, wie sag ich es ihm schmerzlos, sollte ich ihn noch etwas länger hinhalten um zu sehen ob er für mich kämpft…”. Das Mitteilen von Beobachtungen wird eben sofort selbst zu einem Gegenstand der beobachtungswürdige Turbulenzen auslöst. Darum weiche ich auf eine Dritte Person aus die möglicherweise Insider-Informationen meiner Angehimmelten hat und bereit ist sie preiszugeben – und wenn er die nicht hat, dann doch zumindest eine Meinung preiszugeben hat, zu der ich mich dann in Beziehung setzen kann. Nur im in-Beziehung-setzen mit Möglichkeiten erfahren wir ja was wir eigentlich wollen. Dieses Grundproblem der Einführung von Systembetrachtung als Systemgegenstand, ist die Ursache für unzählige soziale Dynamiken, Strategien, Intrigen, Dramen seit Anbeginn des Subjekt-Seins. Manchmal stelle ich mir ein Szenario vor, in dem Alien-Wissenschaftler einen lebendigen, aber unbewussten, Menschkörper finden und versuchen von seiner gründlichen Untersuchung Kenntnisse über das Sozialverhalten der Menschen abzuleiten. Als eines der vielleicht ersten Theorien würde wohl das Grundproblem der Kommunikation offensichtlich werden – aha, Luft strömt aus der Lunge aus, und an den Stimmbändern vorbei. Das kann Töne produzieren die sie zur Kommunikation benützen können. Damit lösen sie das Problem der Distanz zwischen Hirnen; Hirn-interne Vorgänge werden für Akt der Kommunikation in Sprache komprimiert und werden dann im Empfänger-Hirn decodiert. Die unvermeidlichen Informationsverluste im Komprimieren und Entpacken müssen wohl der Grundantrieb für den Hauptteil des menschlichen Miteinanders ausmachen. Kommunikation ist ja da um Informationsunterschiede zwischen Systemen auszugleichen. Die perfekte Kommunikation ist keine Kommunikation? Ich erinnere mich an den Moment als ich von meiner Visionssuche (ein initiatorisches Ritual) zurückkam; nach 4 Tagen und Nächten allein und fastend in der Wildnis der erste Kontakt mit Menschen – das Willkommenslächeln entfaltet sich nur langsam in meinem Gesicht, ich spüre wie mein ganzes Repertoire an sozialen Signalen, Strukturen und Regeln wieder hochgefahren wird nachdem es komplett unbenützt war für fast 100 Stunden. Dann explodiert das Lächeln in ein hemmungsloses Grinsen als mir lawinenartig bewusst wird, wie viel zum Sozialsein gehört und wie dankbar ich dafür bin das ich dieses Spiel so leicht spielen kann, immer und immer wieder.

Vielleicht darf ich enden mit einem kleinen Quadranten-Model (auf die stehen wir ja besonders, richtig?) das mir aufgefallen ist bei der Betrachtung der Erzähllinie für diesen Artikel. Ich denke mir Folgendes; schauen wir auf die Landschaft aller Herunter-Skalierungen von Systemen die des Lernens dienen (=Spiele, Metaphern) gibt es mindestens zwei Achsen die der Verortung in dieser Landschaft dienen können; die Achse vom Konkreten zum Abstrakten und die Achse vom Analysieren zum Kreieren. Jedes Spiel und jede Metapher ist irgendwo auf dem Quadranten verortet den diese beiden Achsen aufspannen. Wird es benützt um Begebenheiten besser zu verstehen (Analyse) oder werden neue Möglichkeiten aufgezeigt und neues Verhalten programmiert (Kreieren)? Ist es ganz offensichtlich nur sinnvoll anwendbar in einem spezifischen Feld (Konkret) oder kann die erfahrenen Dynamik direkt auf viele verschiedene Ebenen übertragen werden (Abstrakt).

Ok, noch ein allerletzter Gedanke; worum es hier eigentlich geht ist, denke ich, die Vorhersagefähigkeit. Alles lernen und spielen ist angetrieben von einem Bedürfnis immer zuverlässiger in Teile der ungeborenen Zukunft zu blicken. Wenn Vorhersage-häfen wegbrechen, oder unnütz werden, die wir uns mühsam aufgebaut erfahren wir das als Leid und Unsicherheit – das Ende einer Liebesbeziehung ist wohl das beste Beispiel dafür. Die immer zuverlässigere Vorhersage der Wünsche des Partners wird auf einmal unnütz weil der Rahmen in dem die hart verdiente Vorhersagefähigkeit in Aktionen umgewandelt werden könnte nicht mehr gültig ist. Auf einmal steht mensch wieder ganz nackt der chaotischen, scheinbar unplanbaren Realität gegenüber. Da muss schnell ein neues Spiel her neue Vorhersagefähigkeit muss aufgebaut werden.

Na dann, lass uns weiterspielen… im grossen Spiel des Spiele-spielens und Spiele-machens. Lass uns gerne die ein oder andere Partie gemeinsam spielen: benjamin.degenhart@gmail.com

Benjamin Aaron Degenhart, 25, aus Bayern hat 2 Jahre im Ökodorf Sieben Linden verbracht, dann 2 Semester Bioinformatik studiert, 3 Jahre in der KaosPiloten-Schule in Dänemark verbracht und wird diesen Herbst ein Studium in “Scientific Computing” in München beginnen.

Published by

Benjamin Aaron Degenhart

Currently pursuing a Masters in Computational Science and Engineering at TU Munich.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s